Lokalkrimi oder nicht? Die Kunst, einen Krimi zu vermarkten

Anatol M. Francis

Frankfurt Blick von der Hauptwache

Als ich meinen Debütroman „Im Schattenkreis“ schrieb, der in Frankfurt spielt, stand ich vor einer Frage, die wahrscheinlich viele Thriller- und Krimiautoren beschäftigt: Soll ich mein Buch als Lokalkrimi vermarkten, oder lieber nicht.

Begriffe wie „München-Krimi“, „Küstenkrimi“, „Schwarzwald-Krimi“ oder „Taunus-Krimi“ sind in der Krimiszene allgegenwärtig. Sie ziehen Leser an, die sich mit einem Ort verbunden fühlen oder neugierig auf ein bestimmtes Setting sind.

Doch ist es immer sinnvoll, einen Krimi als Lokalkrimi zu bewerben? Und was macht einen Krimi eigentlich zu einem echten Lokalkrimi? Spoiler: Es ist mehr als nur das Setting.

In diesem Artikel teile ich meine Gedanken, wäge die Vor- und Nachteile ab und erkläre, warum ich glaube, dass ein Lokalkrimi mehr Tiefe braucht als nur eine Stadt als Kulisse.

Was ist ein Lokalkrimi – und was nicht?

Ein Krimi, der in einer bestimmten Stadt oder Region spielt, ist nicht automatisch ein Lokalkrimi. Viele Krimis nutzen Orte wie Hamburg, München oder Frankfurt als Bühne, aber das allein reicht nicht. Für mich ist ein Lokalkrimi ein Krimi, in dem der Ort nicht nur Kulisse, sondern ein integraler Bestandteil der Geschichte ist. Die Stadt oder Region prägt die Handlung, die Figuren und die Atmosphäre auf eine Weise, die nicht einfach austauschbar ist.

Zum Beispiel: Wenn ein Mord in Frankfurt passiert, aber die Geschichte genauso gut in Köln oder Berlin spielen könnte, ohne dass sich etwas Wesentliches an der Geschichte ändert, ist es kein Lokalkrimi. Ein echter Lokalkrimi nutzt lokale Besonderheiten, sei es die Mentalität der Bewohner, historische Ereignisse, kulturelle Eigenheiten oder sogar die Architektur, um die Geschichte einzigartig zu machen.

Ein Lokalkrimi ist also mehr als ein Etikett. Er erfordert eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Ort, fast so, als wäre die Stadt selbst eine Figur des Romans. Ohne diese Verbindung bleibt der Krimi ein Krimi, der zufällig in einer bestimmten Stadt spielt.

Vorteile der Vermarktung als Lokalkrimi

Die Entscheidung, einen Krimi als Lokalkrimi zu bewerben, hat einige klare Vorteile:

  1. Anziehungskraft für lokale Leser
    Leser lieben Geschichten, die in ihrer Heimatstadt oder einer vertrauten Region spielen. Ein „Frankfurt-Krimi“ spricht Frankfurter an, die ihre Stadt in einem neuen Licht sehen wollen, und Touristen, die neugierig auf das Setting sind. Diese emotionale Verbindung kann den Verkauf ankurbeln, besonders bei Lesungen oder lokalen Buchhandlungen.
  2. Klarer Markenfokus
    Begriffe wie „Küstenkrimi“ oder „München-Krimi“ sind einprägsam und schaffen eine klare Identität. Sie helfen, dein Buch in einer Nische zu platzieren, was in einem überfüllten Krimimarkt ein Vorteil ist. Leser, die Lokalkrimis lieben, greifen gezielt zu solchen Titeln.
  3. Marketingmöglichkeiten vor Ort
    Als Autor eines Lokalkrimis kannst du lokale Events wie Stadtführungen, Lesungen in bekannten Cafés oder Kooperationen mit regionalen Medien nutzen.
  4. Authentizität und Glaubwürdigkeit
    Ein gut recherchierter Lokalkrimi zeigt, dass du dich mit dem Ort auseinandergesetzt hast. Das schafft Vertrauen bei Lesern, die die Region kennen, und hebt dein Buch von generischen Krimis ab.

Nachteile der Vermarktung als Lokalkrimi

Doch die Lokalkrimi-Vermarktung hat auch ihre Schattenseiten:

  1. Eingeschränkte Zielgruppe
    Wenn du dein Buch als „Frankfurt-Krimi“ bewirbst, riskierst du, Leser außerhalb der Region auszuschließen. Jemand aus Hamburg oder Stuttgart könnte denken, dass die Geschichte nur für Frankfurter relevant ist. Das kann die Reichweite deines Buches begrenzen.
  2. Erwartungsdruck
    Leser von Lokalkrimis haben hohe Erwartungen an die Authentizität. Wenn du Details über die Stadt falsch darstellst, sei es ein falscher Straßenname oder eine unpassende Beschreibung der Mentalität, kann das Kritik auslösen.
  3. Gefahr der Stereotypisierung
    Manche Lokalkrimis greifen auf Klischees zurück, um den Ort zu „verkaufen“, z. B. der grantige Bayer in München oder der raue Seemann an der Küste. Das kann die Geschichte flach wirken lassen und Leser abschrecken, die komplexere Geschichten suchen.
  4. Abgrenzung von anderen Lokalkrimis
    In beliebten Settings wie München oder Berlin gibt es bereits viele Lokalkrimis. Es ist schwierig, sich von der Konkurrenz abzuheben, wenn dein Buch nur als „ein weiterer [Stadt]-Krimi“ wahrgenommen wird.

Wann sollte man als Lokalkrimi vermarkten – und wann nicht?

Die Entscheidung hängt von deinem Buch, deiner Zielgruppe und deinen Marketingzielen ab. Hier sind einige Überlegungen:

  • Vermarkte als Lokalkrimi, wenn…
    • Der Ort ein zentraler Bestandteil der Geschichte ist und die Handlung ohne dieses Setting nicht funktionieren würde.
    • Du lokale Leser gezielt ansprechen willst, z. B. durch Events oder regionale Medien.
    • Dein Buch stark von der Atmosphäre und Kultur des Ortes lebt.
  • Vermeide die Lokalkrimi-Vermarktung, wenn…
    • Das Setting austauschbar ist und die Geschichte universeller wirken soll.
    • Du eine breitere, überregionale oder internationale Leserschaft erreichen willst.
    • Du nicht genug Zeit in die Recherche investieren kannst, um den Ort authentisch darzustellen.

Mein Ansatz für meinen Roman „Im Schattenkreis“

Als ich meinen Roman „Im Schattenkreis“ schrieb, war Frankfurt von Anfang an mehr als nur ein Schauplatz für mich. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen und habe fast mein ganzes Leben lang dort gelebt. Ich kenne Frankfurt wie meine Westentasche und mir war immer klar, dass mein erster Roman in dieser Stadt spielen soll.

Dennoch habe ich lange überlegt, ob ich das Buch als „Frankfurt-Thriller“ vermarkten soll. Einerseits liebe ich die Idee, lokale Leser anzusprechen, die die Schauplätze wiedererkennen. Andererseits möchte ich Leser aus ganz Deutschland erreichen, die sich für eine spannende Geschichte interessieren, unabhängig vom lokalen Setting.

Mein Kompromiss? Ich betone Frankfurts Rolle in der Geschichte, ohne das Buch explizit als Lokalkrimi zu labeln. Mit großer Freude lasse ich die Story in meiner Heimatstadt spielen, aber ich fokussiere mich nicht zu sehr auf die Stadt, sondern lege mein Augenmerk auf die Charaktere und die Story des Romans. So hoffe ich, das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

Denn am Ende des Tages würde meine Story mit seinen Charakteren auch in einer anderen großen Stadt funktionieren. Daher habe ich mich gegen die Vermarktung als Lokalkrimi entschieden. Darüber hinaus verorte ich meinen Debütroman „Im Schattenkreis“ mehr in Richtung Thriller. Und in diesem Genre ist es nicht so verbreitet, den lokalen Charakter in den Mittelpunkt zu stellen.

Fazit: Die Balance finden

Ob ein Krimi als Lokalkrimi vermarktet werden sollte, hängt davon ab, wie stark der Ort die Geschichte trägt und welche Leser du erreichen willst. Ein echter Lokalkrimi ist mehr als ein Krimi, der in einer Stadt spielt, er macht den Ort zu einem lebendigen Teil der Erzählung. Die Vermarktung als Lokalkrimi kann lokale Leser begeistern und deinem Buch eine klare Identität geben, birgt aber das Risiko, die Zielgruppe einzuengen oder Klischees zu bedienen.

Für mich ist die Lösung, ehrlich zu bleiben: Wenn der Ort dein Buch prägt, dann zeige das mit Stolz, aber schließe niemanden aus. Schreibe eine Geschichte, die überall fesselt, und nutze das Setting als Sahnehäubchen, nicht als einziges Verkaufsargument.

Was denkt ihr? Lest ihr gerne Lokalkrimis, oder ist euch das Setting egal, solange die Geschichte stimmt?